Verkehrtrum

Der Wocheneinkauf ist erledigt Es wurden heute bereits einige Lebensmittelvorräte herangeschleppt, die spätestens Dienstag schon wieder alle sind und das Zuhause wurde gründlich durchgeputzt ein paar einzelne Bereiche der Wohnung wurden vorübergehend in einen überschaubaren und hygienischen Zustand versetzt. Auch das Mittagessen wurde gemeinsam mit trotz den Kindern zubereitet und verspeist auf der Kleidung und unter dem Tisch weiträumig verteilt.

Zeit für das Nachmittagsprogramm: Familienkirche im Kiez. Der Tag ist gerettet, zumal Familie Life Science sogar rechtzeitig am Zielort eintrifft. Muss man erstmal schaffen, die 600 Meter!

Die Pfarrerin und die Geschichtenerzählerin sind bereits gut gelaunt am Start, ebenso der in die Jahre gekommene, aber umso agilere Pianist mit dem Jazz-Faible. Kann losgehen!

Die Kinder entzünden die Kerzen, aktivieren eigenhändig die elektrisch betriebenen Kirchenglocken, so läuft das hier, und da öffnet sich noch einmal die Kirchentür und jemand kommt herein in die Kinderkirche – ohne Kind.

Es ist Frau Derange. „Ja, wie schön, Frau Derange, setzen Sie sich doch“, und das tut sie auch – auf dem ungeeignetsten aller möglichen Plätze. Die von ihr ungeschickt weggeräumten Liederbuchstapel poltern in den Weihnachtsjazz, aber was soll’s.

Frau Derange, eine gepflegte Erscheinung in dunkler Jeans und türkiser Fleecejacke, ist hier keine Fremde. Früher hat sie ihre Samstage anders verbracht, nicht in der Kinderkirche.

Wer genau hingesehen hat… Da, wo bei Frau Derange die Fleecejacke aufhört, blitzt etwas weißes, etwas blitzsauberes, was da nicht hingehört: eine Unterhose, über der Jeans.

Hier ist die Demenz zu Besuch. Die alle treffen kann, die Pfarrerin, den Jazz-Pianisten und Frau Life Science sowieso. Und keiner kann etwas dagegen tun und kein Geld der Welt und keine Arztperson wird es verhindern können, dass man irgendwann, in einem geschützten Raum oder in aller Öffentlichkeit, die Kleider falsch herum trägt und nur mit Glück wird der Ort eine kleine Kirche sein und der Schlüpfer strahlend rein wie die Windeltücher des Jesuskindes.

Eben hat man noch die Getränkepfützen seiner Kleinkinder stündlich aufgewischt, schon ist man selbst betreuungsbedürftig. Viel Zeit liegt ja eigentlich nicht dazwischen.

Da sitzt sie jetzt, die Frau Derange, mit ihrem Falschherum und hört richtig herum zu. Und singt mit und weiß, wo das Lied im echten Gesangbuch steht, denn die ausgeteilten Schnellhefter reichen heute nicht.

Beim Schlusslied „…rühr uns an mit deiner Kraft“ ist es eine schöne Kinderkirchen-Tradition, dass sich die Anwesenden kurz rechts und links die Hand reichen. Der Zufall will es, dass Frau Life Science am nächsten bei Frau Derange steht, und die ihr gereichte Hand wird mit solch einem herzlichen Lächeln erwidert, dass Frau Life Science die Tränen herunterschlucken muss.

Weil Frau Derange hier einfach in dem Moment, mit der Musik, in vertrauter Umgebung und in freundlicher Annahme so glücklich ist, wie man nur sein kann, wenn man die Kleidung falschherum trägt.

3 Gedanken zu “Verkehrtrum

    1. Mit den Kindern bzw. Familien singen sie immer zweimal den Refrain und gar nicht die Strophen. Auf mich wirkt das Lied immer sehr erbaulich.
      Wobei die Strophen auch schön sind, außer mit der zweiten, da kann ich nicht so mitgehen.
      Danke für den Link!

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