(377) Vorher/Nachher – Oder: Roosevelt Island/New York vs Berlin-Lichterfelde

Frau Life Science macht sich so ihre Gedanken über das Vorher/Nachher, über die Unterschiede zwischen dem Inselleben in New York und dem neuen Leben im Süden Berlins. Ein paar Punkte markieren bedeutende Unterschiede, ein wenig Verbindendes gibt es natürlich auch.

1. Wohnlage

 

 

Familie Life Science wohnt immer noch in Sichtweite zu einem Kraftwerk. Schwer zu sagen, welches von beiden das Hässlichere ist: Die Power Plant am Ufer des East Rivers, Queens Seite (links), oder das Vattenfall-Heizkraftwerk am Teltowkanal im Berliner Südwesten (rechts). Letzteres zierte in den Achtzigern übrigens eine häufige verwendete deutsche Briefmarke. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht.

Ansonsten ist vom einzigen Inselleben, ganz umgeben vom East River, eine gewisse Nähe zum Wasser geblieben. Leider fehlt nun der Flussblick aus dem eigenen Fenster. Der neue „East River“  heißt Teltowkanal, führt nun mitten durch das Stadtteil, er muss mehrmals täglich überquert werden und der kleine Schatz lernt an seinem Ufer das Fahrradfahren.
Immer noch schön: täglich das glitzernde, sich stetig ändernde Farbenspiel des Wassers. Es macht etwas mit den Menschen.

Ein Highlight in Sachen Wohnlage ist für Frau Life Science die Tatsache, dass Geschäfte wie Rewe, Aldi, Lidl, Drogeriemarkt, Bäcker und Bioladen neuerdings fußläufig erreichbar sind. Der Fulltime-Job Lebensmittelbeschaffung in New York hat sich auf diese Weise zu einer geringfügigen Beschäftigung entwickelt.

2. Housing

An die Stelle des Life Science-Fabrik-Housing-Sevice ist ein sympathischer berlinerisch redender Hausmeister getreten, der zwar immer schnell vorbeikommt, aber niemals wirklich zuständig ist. „Da schreiben Sie mal eine Mail“, rät er stets, und meint  an die gesichtslose Hausverwaltungsgesellschaft mit den drei Buchstaben. Aber da könnte man ebenso gut eine Flaschenpost in den Teltowkanal werfen. „Liebe dreibuchstabige Hausverwaltungsgesellschaft ohne Gesicht, das Kellerlicht geht nicht, Kondenswasser fließt in Sturzbächen in den Doppelfenstern und, und, und.“
Familie Life Science vermisst die New Yorker Housing Guys, die immer zeitnah vorbeischauten, wenn etwas im Argen war und meistens das Problem lösten, nur selten verschlimmbesserten.
Auch musste man sich keinen Kopf um das Entsorgen von sperrigen Gegenständen machen. Nahmen alles die Guys mit. Man hatte nicht den Keller voller unbrauchbarer Kartonagen von gigantischem Ausmaß (aber man hatte auch keinen Keller).

Vorteilhaft ist an der neuen Wohnsituation ist, dass man völlig unbehelligt das Haus verlassen und wieder betreten kann. Niemandem ist man Rechenschaft schuldig; geschweige denn einer überspannten Front Desk-Chefin einen Small Talk.

Und noch etwas: Diese Woche ist Besuch da: Eine Freundin in Begleitung zweier größerer Kinder. Familie Life Science hat ihrer Freundin einen Hausschlüssel ausgehändigt. Das war im New Yorker Life Science-Fabrik-Housing nicht möglich. In den € 2350 Miete pro Monat war die Schlüsselgewalt über die eigene Wohnung nicht inbegriffen, so sehr sich Frau Life Science auch darüber schwarz ärgerte.

3. Verpflegungssituation

Der Forschernachwuchs kriegt täglich frisch vor Ort gekochtes Essen im Kindergarten und in der Kantine der Gesundheitsfabrik kann sich der Lifescientist und gelegentlich auch seine Frau vollwertig versorgen, es wird dort zwischen Gästen und Mitarbeitern keinen Unterschied gemacht.
Was keiner vermisst: In New York musste man jeden Morgen ein Lunch für den kleinen Schatz zubereiten und in einen Thermosbehälter füllen. Schon beim Abholen um 4 pm roch es merkwürdig. Gekochtes wird schließlich nicht besser durchs Lauwarmhalten. Der Lifescientist konnte sich sein mitgebrachtes Essen wenigstens selber aufwärmen, alternativ zur Lunch Box standen ihm diverse Fast Food-Optionen Verfügung. Zum Abgewöhnen.

4. Öffentliche Ressourcen

Es scheint nun wieder leichter, ein Stück vom Kuchen des Gemeinwesens abzukriegen. Stichwort Gebäude in öffentlicher Hand.
Für einen relativ überschaubaren Betrag  an den Sportverein (im Bedarfsfall auch mit öffentlichem Zuschuss) kann man beim Kinderturnen mitmachen, das heißt, das Kind darf einmal die Woche in einer Turnhalle an Elternhand über schräg aufgerichtete  Bänke und über Barren oder andere Sportgeräte balancieren. Nichts ist da kaputt oder lidschäftig.
Übertriebene Ängste sind in deutschen Turnvereinen übrigens auch nicht gerade zuhause. Niemand stellt ein Pylon auf mit „caution“ oder verbietet pauschal die ganze Durchführung des Angebots. Man legt ein paar Matratzen drunter und es scheint das Gesetz zu gelten: „Wo eine blaue Matte liegt, kann schon keiner sterben.“
Suchen Sie mal ein bezahlbares Bewegungsangebot für Kinder in einer Turnhalle in New York City. Suchen Sie eine Turnhalle.

Auch der Lifescientist profitiert von der guten Zugänglichkeit der Sporthallen. Inzwischen spielt er wieder einmal die Woche Badminton. Eine Sportart, die er in NY nur hochkommerziell oder – wenn im Verein – nur weit außerhalb der City ausüben konnte. Das hat er probiert und einmal spielte er sogar bei einem Freizeit-Turnier mit, das Basecap von der sponsernden Bank lag noch lange im  Schrank. Aber die Zeit, am Wochenende weit raus zu fahren, hatte er auf Dauer wirklich nicht.

Ähnlich wie mit den Sporthallen verhält es sich mit Schwimmbädern. Für 5,50 Euro können Mutter und Kind im städtischen Hallenbädchen schwimmen, rutschen und Spaß haben, und zwar jederzeit und nicht nur in höchst seltsamen und stark limitierten Zeitfenstern. Eine Rutsche in einem öffentlichen Schwimmbad hat Frau Life Science in New York nicht ein einziges Mal gesehen. Ist auch nicht so wichtig (es sei denn, man fragt das Kind).

5. Mobilität

Familie Life Science hat nach wie vor kein Auto (jedoch der Lifescientist wünscht sich eines).  Der Lifescientist fährt neuerdings mit dem Fahrrad zur Arbeit, wie alle hier mit gelber Warnweste.
Der Commute mit dem Fahrrad, so etwas  machten auf Roosevelt Island nur hart gesottene Sportler. Denn man musste die Insel auf der kleinen Brücke Richtung Queens verlassen, um über Long Island City auf die Queensbridge zu gelangen, und von dort wieder über die gerade verlassene Insel hinweg fahrend nach Manhattan strampeln und am Abend das Ganze wieder zurück. Mit der Kirche ums Dorf. Zum Abgewöhnen und auch nicht ganz ungefährlich.

Alles, was nicht mit dem Fahrrad oder zu Fuß erledigt werden kann, wird nun in Berlin mit ÖPNV gemacht. An der einen Ecke vom Wohnhaus und an der anderen fahren in kurzen Abständen verschiedene Busse ab. Die Busse sind sauber, pünktlich und gelb. Oft sind es zur Freude des kleinen Schatzes Doppeldecker-Fahrzeuge. Sie bringen einen zur U-Bahn (ebenfalls sauber und  gelb) oder zu S-Bahn und wo immer man hin will. Am Wochenende und abends kann man sogar jemanden auf der Monatskarte „mitnehmen“.
Die ÖPNV-Mittel sind insgesamt mehr aufeinander abgestimmt, sie greifen ineinander, machen Spaß.


6. Kinderbetreuung

Kinderbetreuung kostet in New York ein Vermögen und wenn Frau Life Science schreibt „ein Vermögen“ dann meint sie es auch so. In Berlin kostet es NICHTS (nur lächerliche 23 Euro/Monat fürs Essen).
Es herrscht dafür aber auch keine so auffällige Service-Mentalität, auf Emails können Sie lange warten (und wenn Frau Life Science „lange“ sagt, dann meint sie auch lange), und der allgemeine Personalschlüssel ist weniger günstig. Das einzelne Kind erhält deutlich weniger Aufmerksamkeit, es muss sich schon melden, wenn es etwas braucht. Dies führt manchmal dazu, dass das eigene Kind über sich hinaus wächst: wenn keiner anbietet, beim Jacke Anziehen zu helfen, geht der Reißverschluss vielleicht nach fünfzig mal selber probieren doch zu. Man will schließlich in den Sandkasten (hier „Buddelkiste“ genannt), dann muss man sich halt anstrengen. Mitunter führt es aber auch zur Überforderung und es wundert Frau Life Science nicht, dass beim Forschernachwuchs so Manches plötzlich wieder im wörtlichen Sinne „in die Hose“ geht.
Kindern wird im deutschen Kindergarten auch motorisch viel zugetraut. Auf einer Sprossenwand oder in Hecken rumklettern, Nägel ins Holz klopfen. Man gesteht es Kindern auch zu, Beschäftigungen häufig und über längere Zeiträume hinweg  selbst zu wählen. Diese Beschäftigungen haben relativ selten mit „letters and numbers“ zu tun.

5. Ökologischer Fußabdruck

Es ist in Deutschland um einiges leichter, auf unnötige Verpackungen zu verzichten. Altglas kommt in den Container, Pfandflaschen in den Automaten, und der kleine Schatz muss nach dem Mittagessen im Kindergarten nicht mehr seinen Teller wegschmeißen. Ressourcenstrapazierender Versandhandel wird auch nur noch selten genutzt, ist doch fast alles in der Nähe bequem verfügbar. Am Kompostprojekt nahm Familie Life Science in New York schon freiwillig teil, in Berlin ist Kompostieren Pflicht.
Die von Familie Life Science produzierte Müllmenge ist weniger geworden (ist aber mit Sicherheit immer noch viel zu groß).

 

Fazit:

In vielerlei Hinsicht bedeutet für Familie Life Science Berlin Lichterfelde eine Verbesserung gegenüber Roosevelt Island/New York. Dies liegt nicht nur an New York, sondern auch an den entsprechenden Begleitumständen. Es passt einfach wieder besser. Ein Kulturschock ist daher ausgeblieben.

Das Leben geht weiter. Punkt.