Berlin er-fahren

Lange lebte Familie Life Science ohne eigenes Auto. Das war nicht immer ganz angenehm. Die letzte Meile hatte es in sich und das Warten auf Abfahrten und Anschlüsse irgendwelcher Busse bzw. das Geschaukel von Haltestelle zu Haltestelle nahm Tag für Tag, Woche für Woche so viel Lebenszeit ein, dass es Frau Life Science manchmal glauben machte, sie fahre von Beruf Bus, dabei brachte und holte sie das Kind nur zum und vom Kindergarten.

Carsharing für den Wochenendausflug ins Grüne war auch nicht so das erquickliche Erlebnis. Man muss vom Außenbezirk erstmal (mit einem Verkehrsmittel) zu einem zentraleren Stellplatz gelangen, denn Carsharing wird immer dort angeboten, wo auch genügend S- und U-Bahnen fahren würden.
Zudem treffen sie bei der Carsharing-Firma, die aktuell agiert, jedes der wenigen Male einen anderen Mercedes oder BMW an, dessen Bedienung sie erstmal lernen müssen. Einmal suchte der Lifescientist 10 Minuten nach den Automatikschaltern „Fahren“ oder „Parken“. Sie waren am Blinker angebracht.

Jetzt ist zu allen Mobilitätsumständen noch die Ansteckungsgefahr im ÖPNV hinzugekommen, was insbesondere im Hinblick auf das Kind für ein ungutes Gefühl sorgte, und das gab der Familie den Rest. Sie schafften sich endlich eine eigene Karre an und Frau Life Science stornierte ihr Jahresticket von der BVG. (Traurig, aber wahr. Wer baut jetzt noch den Nahverkehr aus, wenn viel weniger Menschen ihn nutzen wollen?)

Vom Autofahren in der Stadt ist Frau Life Science nach wie vor nicht überzeugt. Wer ist bloß auf die Idee gekommen? Es kann nicht funktionieren. Für Sie mag das vielleicht normal sein, aber nach so langer Auto-Abstinenz kann sich Frau Life Science nur wundern:

Viel Fahrzeit verbringt sie auf Straßen, deren Ränder beidseitig von einer Endloskette an Fahrzeugen Stehzeugen parkenderweise genutzt werden, sodass ein einspuriger kopfsteinpflastriger Fahrbahnrest übrig bleibt, der allerdings in zwei Richtungen genutzt wird. Dies hat zur Folge, dass man ständig in eine der wenigen Nischen ausweichen muss, um andere Verkehrsteilnehmer durchzulassen. Oft genug fährt man auch gefühlte zwei Kilometer rückwärts zur angedachten Fahrtrichtung, denn wenn sich zwei Autos auf der einen Rest-Spur gegenüber stehen, muss ja eine(r) nachgeben.

Ist die Straße breiter, hat man mit Sicherheit die meiste Zeit einen gelben Doppeldeckerbusse vor sich. Einen solchen im fließenden Verkehr zu überholen will gelernt sein. Oder man fährt hinter dem Bus her und ist noch später am Ziel, als wenn man in eben diesem Schaukelbus selbst gesessen hätte. Auf dem weniger dicht besiedelten ländlichen Bereich, wo Frau Life Science herkommt, fahren die Busse so selten, dass sie einem zumindest beim Autofahren nicht stören können. Wenn nicht Busse, dann können einen Müllautos leicht um die Fortbewegung bringen.
Von Staus hat sie jetzt noch gar nicht geschrieben.

Gewöhnungsbedürftig für Frau Life Science ist auch das Linksabbiegen auf vierspurigen Straßen, wenn der Gegenverkehr wie so oft nicht „Rot“ hat. Das heißt, man muss sich bei „Grün“ mitten auf die Kreuzung wagen (niemand hat für Frau Life Science die genaue Stellfläche markiert) und dort mitten im irren Kreuzungsbetrieb warten, bis der Gegenverkehr nachlässt und man das Linksabbiegen vollenden kann. Schrecklich! Und an jeder zweiten Ampel erlebt man überhaupt so drei, vier Rot-Phasen, ehe man sie passieren kann.

Und für den ganzen Stress bezahlt man auch noch einen Haufen Geld. Anschaffung, Versicherung, Steuer, Tanken, Reparatur. Sogar fürs ausdrückliche Nichtbenutzen der Blechdose muss man noch Geld bezahlen – in Form von Parkgebühr.

Insbesondere erwies sich die die Berliner Postleitzahl als unerwartet kostspielig. Da im EDV-System der Versicherung noch Familie Life Sciences uralte PLZ gespeichert war, mussten sie im Verlauf der Anmeldung feststellen, dass für dasselbe Auto und denselben Versicherungsschutz die Berliner Postleitzahl 300 Euro im Jahr teurer ist als die Postleitzahl in der Kleinstadt. Fleißige Versicherungsmathematiker haben das präzise berechnet, wo die Unfälle passieren.

Was sie für die Versicherung tiefer in die Tasche greifen müssen, holt Familie Life Science aber beim Parken wieder rein.
Die öffentlichen Parkplätze in der eigenen Straße sind an sich knapp, verzweifelte Bürger weichen auf die illegalen aus, beparken Gehwege oder nutzen den gesamten Fahrbahnrand, auch AUF der Kreuzung. Manch einer denkt sich: „Hauptsache, ich habe geparkt, egal, ob dann alle anderen auch für den Rest des Tages zum Stehen kommen.“

Derartiges Parkverhalten wollte sich Frau Life Science auch als Berlinerin nicht angewöhnen. Nahe am eigenen Haus gibt es eine sogenannten Einstellparkplatz mit etwa 20 Mietparkplätzen. Aus gegebenem Anlass fragte sie einen Nutzer, der gerade einen Sack Blumenerde auslud, wie denn diese Plätze hier zu mieten wären. Der Herr wirkte zuerst ertappt, dann sagte er verschwörerisch mit der Hand am Mund:
„Stellnse enfach druff. Aber sangses nicht weiter.“ Die Institution, die den Parkplatz einst bewirtschaftet habe, mache das inzwischen gar nicht mehr. Wer hier länger wohnt, weiß das offenbar. Und behält’s für sich.

2 Gedanken zu “Berlin er-fahren

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