Nandu

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User:Zwoenitzer~commonswiki

Im Streichelzoo schiebt ein zotteliger grauer Riesenvogel mit seinem Schnabel sorgfältig zehn, zwölf mangogroße Eier in einem rudimentären Nest zusammen, ehe er seinen wuchtigen Vogelkörper langsam absenkt, die Sitzposition wackelnd nachjustiert und schließlich die zu nahe gekommenen Menschengesichter am Zaun fauchend zurechtweist. Der Nandu wünscht offenbar, in Ruhe brüten zu können.

Frau Life Science ist hin und weg von dem brütenden Nandu-Männchen, erkundigt sich an der Kasse nach dem Schlüpfttermin des Laufvogelnachwuchses und plant bereits den nächsten Streichelzoo-Besuch; nichts ahnend, dass es den Forschernachwuchs, der zunächst unauffällig reagiert hatte, noch mehr erwischt hat mit der Nandu-Begeisterung.

Seit letzten Sonntag ist der kleine Herr nun selbst ein Nandu. Er war ja lange ein Äffchen und häufig eine Katze, jetzt verfestigt sich zunehmend seine gefühlte Nandu-Identität und wird zum regelrechten Nandu-Tick.

In einer unbeobachteten Minute malte er mit Kugelschreiber Nandu-Gefieder auf Bauch und Brust – in Form von wilden Strichen. Aber die müssen weg! Der Lifescientist hat immer gesundheitliche Bedenken bei Kugelschreiber-Tattoos und im Kindergarten würde so ein gestricheltes Kind auch etwas verwahrlost wirken. Als Frau Life Science ihr Küken am Abend in die Wanne steckte, sträubte es sich gegen jedes Abschrubben der Striche, als ginge es um sein Leben. Es fauchte wie der Nandu-Vater beim Brüten und zappelte wild mit den Flügelchen.

„Ok“, sagte Frau Life Science, „wir haben noch Stoffmalstifte vom letzten Kindergeburtstag, du darfst damit eines deiner Unterhemden anmalen“. Unnötig zu erwähnen, dass das gestrichelte Hemdchen dann als Nachtgewand herhalten musste und dass er es es am nächsten Morgen, über dem T-Shirt getragen, im Kindergarten präsentierte. Weil so ein weißes Unterhemd schnell schmutzig wird, wurde bereits ein zweites Federkleid hergestellt, ein drittes ist in Planung.

Seither hat Frau Life Science ein gestricheltes Kind und hofft, damit nicht unangenehm aufzufallen. Zum Glück sind gesellschaftliche Anlässe zurzeit rar gesät.

Aber Nandus sind schon faszinierende Tiere. Sie leben mittlerweile wild im beschaulichen Nordwestmecklenburg, obwohl sie eigentlich in Südamerika zuhause sind. Eine Population von mehrerern hundert Vögeln hat sich aus entlaufenen Haustieren gebildet. Jetzt gehen sie den Bauern auf die Nerven, weil sie Pflanzen wegfuttern und Felder zertreten, und sie latschen auch gerne mal auf mecklenburgischen Landstraßen herum.
Und dann schauen sie so in die Kamera mit ihren Glubschaugen und scheinen zu sagen: „Was willst DU denn eigentlich.“

Sie sind gekommen um zu bleiben. Frau Life Science wundert das nicht.

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