Nach vorne schauen

Wenn Frau Life Science Fotos vom Baby teilt, vergisst sie manchmal, was andere darauf sehen: Kabel, Schläuche und die Schaltzentrale. Die Magensonde im Näschen, auf der Wange fixiert mit einem herzförmig ausgeschnittenen Pflaster. Vater und Mutter mit Maske im Umgang mit ihrem eigenen Kind. Schlimmer geht´s nimmer, oder was?

Es mag Sie verwundern, aber so fertig sind die Eheleute Life Science gar nicht. Woran das liegen mag?

Zum einen der Gewöhnung. Ein Mitarbeiter bei der Berliner Stadtreinigung denkt auch nicht jeden Tag: „Was ist das heute nur wieder für ein Mief“, wenn er nur lange genug dabei ist. Er nimmt ganz andere Dinge wahr und stört sich vielleicht am Straßenverkehr oder an etwas ganz anderem. Oder er hat nette Kollegen und fährt gerne seine Schicht.

Man schraubt seinen Erwartungshorizont an Elternfreuden herunter. „Wie schön, was die Kleine heute für einen tollen Sättigungswert hat“. „Oh, sie hat gerade offene Augen!“ „Juhu, sie hat leer getrunken“. Das sind so die Highlights der ersten Lebenstage.

Und dann ist da auch das Setting. Es ist Alltag und Sie sind nicht die ersten und nicht die einzigen, die das hier erleben. Sie werden nicht auf Station begrüßt mit der Frage, „Wie geht es Ihnen heute, wie gehen Sie mit diesem schweren Schicksalschlag um? Also ich wollte nicht an Ihrer Stelle sein. Können Sie überhaupt schlafen?“, sondern es heißt mehr so: „Guten Tag, Frau Life Science, ich bin Schwester Monikafranziskabirgitjanine und ich betreue heute Ihr Kind. Hier ist allet schick heute, Ihrer Püppi geht´s gut, sie hat schon Hunger. Wir machen ihr am besten gleich ´ne heiße Tasse, wa? Und dann können Sie ja ne Runde kuscheln.“

Auch die anderen Eltern wirken heiter. Man kommt hierher, um Zeit mit seinem Kind zu genießen. Es ist ja keine Palliativstation. Davon zeugt die „Gallery of Hope“ im Flur. Da sind Grußkarten aufgereiht und gerahmt, die Eltern nach der Entlassung ihrer Kinder schicken. Darauf zu sehen: Säuglinge mit Schläuchen und Antennen und allerlei Aufbauten, kleine Würmchen, die sich auf dem nächsten Bild schon in propere Kleinkinder verwandelt haben. Die Schreiben der Eltern sparen nicht mit Daten, Fakten und Kennzahlen, genauso wenig wie mit Dank und Anerkennung. Sogar eine Oskar-Figur thront in einer Wandnische, wohl nicht allein, weil das gesundgepflegte Kind Oskar hieß.

Hier geht’s zum Leben hin. Frau Life Science hat hier im Aquarium auch noch niemanden weinen sehen – außer einmal sich selbst.

Das war noch im ersten Aquarium. Es war ein Tag nach der Geburt und man hatte den Eltern bereits eröffnet, dass die bisherige Diagnose verworfen werden musste – zu Gunsten einer noch hässlicheren.
An jenem Abend kam sie auf die Neugeborenenstation, laufen konnte sie schon, und setzte sich an das Wärmebettchen ihres Kindes. Sie war allein. Da lag das Kind in Decken gepackt, nur der buschige Haarschopf war zu sehen. Es wirkte wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Nicht zugehörig und hoffnungslos. Und der Anblick beelendete Frau Life Science, sodass sie weinte.

Da kam eine Schwester und setzte sich zu ihr.

„Wissen Sie, Frau Life Science, ich verstehe das. Aber glauben Sie mir, ich arbeite schon sehr, sehr lange hier. Und ich kann Ihnen sagen, worauf es ankommt: Dass Sie nach vorne schauen! Dass sie positiv an die Sache herangehen und das auch Ihrem Kind vermitteln. Nochmal: Schauen Sie nach vorne! Es ist gut und wichtig, dass Sie da sind. Das hilft Ihrem Kind. Ihr Kind merkt das.
Wissen Sie was? Morgen schicke ich die Musiktherapeutin zu Ihnen. Wann haben Sie Zeit? Das ist eine ganz tolle Dame, die wird Ihnen gefallen. Sie werden sehen.“

Von diesem Tag an ging es aufwärts und inzwischen ist Frau Life Science gerne auf Station. Und wo andere vielleicht noch Schläuche sehen, da sieht sie einfach ihre Tochter.

Das rührendste aller Geschenke: Haarspangen fürs Herzmädchen.

3 Gedanken zu “Nach vorne schauen

  1. Ich bewundere jeden Tag mehr, dass es dir immer gelingt, so wunderbar zu erzählen. Kein bisschen rührselig und trotzdem habe ich ein Tränchen verdrückt. Ich sehe mich schon, wie ich mit dir in Berlin am Sandkasten sitze und ich dich in das nächste Buch reinquatsche. Einfach weil du jedes Leben so leicht erzählen kannst.

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