(438) Steinige Kaffepause

Frau Life Science hat ihr Kind bei seinen Stammesangehörigen abgesetzt (die Kitagruppen sind nach indigenen Völkern Nordamerikas benannt) und steht dank neuer Verkehrswege schon um 9:00 Uhr voller Tatendrang in der Schloßstraße. Allein die Geschäfte und die Bücherei sind um diese Zeit noch geschlossen.

Wegen dieser halbstündigen Zwangspause gönnt sich Frau Life Science noch einen Kaffee in einem Etablissement, in dem sie noch nie war, und eher nicht wieder hingehen wird. Alles hat komplizierte Namen und ist irgendwie eine Spezialität. Das ist Frau Life Science egal, Koffein geht in jeder Darreichungsform. Jetzt noch etwas Süßes dazu, dann ist die Kaffeepause perfekt. Neben der Kasse steht ein Körbchen mit abgepackten Würfeln aus weißem Nougat zum Preis von 95 Cent. Diese Süßigkeit aus Eischnee, Honig und Nüssen hat sie schon lange nicht mehr gesehen und es schmeckt ihr so hervorragend, dass sie gleich zwei davon nimmt.

Auf einem Barhocker sitzend, trinkt Frau Life Science einen Schluck Kaffee, packt das erste Würfelchen aus und beißt ab. Nein, sie beißt nicht ab. Denn es geht gar nicht. Marmor, Stahl und Eisen bricht, aber dieser Nougat nicht. „Ich bin doch kein Berliner Biber!, denkt Frau Life Science. Es ist einfach bescheuert. Wer produziert so etwas? Eine Süßigkeit, die Menschen nicht ohne Hilfsmittel aus dem OBI zu sich nehmen können? In welchem exotischen Land dieser Erde kann denn dies als Delikatesse gelten?

Frau Life Science geht zur Barista und fragt nach: „Kann nicht abbeißen. Gehört das so?“ Die junge Frau bestätigt selbstbewusst die Rechtmäßigkeit der Konsistenz „Stein“ beim Produkt „Weißer Nougat“.

Da kann Frau Life Science nur wieder zum Barhocker zurückkehren. Dort fehlt ihr jetzt aber das Süße zum Kaffee. Ihre unverhoffte Kaffeepause will sie sich nicht von einem durchgeknallten Nougatkonditor verderben lassen. Sie geht ein weiteres Mal zum Tresen, um eine Alternative zu bestellen. Die beiden Steine nimmt sie mit, um sie zurückzugeben.

Weil ein Herr vor ihr bedient werden muss, hat Frau Life Science genug Zeit die Auslage anzusehen. „Soft Nougat“ steht da am Körbchen, aus dem sie das Produkt zuvor entnommen hat. Aha! Da haben wir es doch! Soft?! Da stimmt doch etwas nicht. Sie dreht die Würfel in der Hand und stellt fest: sind alle abgelaufen seit 10/2019. Nicht unbedingt verdorben, aber nach Durchtrocknen schon aus rein mechanischen Gründen nicht mehr genießbar und für die öffentliche Gastronomie ganz sicher ungeeignet. Die Dinger kann man nicht einmal mehr bei SirPlus unauffällig loswerden.

Den gerade erkannten Sachverhalt meldet Frau Life Science der Barista und schiebt die beiden Nougatklötze in ihre Richtung. Die junge Dame sagt „Oh“, packt die Dinger weg und zahlt den Betrag von 1,90 EURO aus, von dem sie das gerade von Frau Life Science alternativ bestellte Schokohörnchen ABZIEHT.

Wie wäre es mit: „Entschuldigung! Hätte nicht passieren dürfen. Danke für den Hinweis“. Oder vielleicht: „Was können wir Ihnen statt dessen anbieten? Geht natürlich aufs Haus!“?

Grauer Nougat, in Berlin auch als Pflasterstein bekannt.

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