Die Gegenwart der Abwesenden

Zu Ostern in der Ferienwohnung in der blühenden Kitschlandschaft Südbadens. Die Wohnung ist wieder nutzbar, seit die Gastfamilie vor ihrer eigenen Flucht geflüchtet ist: Nach rund vier Wochen sind Eltern und Kinder recht überstürzt zurück in ihr Land gefahren.

Da möchte man ihnen für diese ihre Fehlentscheidung alles Gute wünschen!

Aber was weiß man schon. Welche Wertung, welche Beurteilung will man da vornehmen.

Beim Abschied hatte es Tränen auf Seiten der gastgebenden Senioren gegeben. Nicht, weil sie fürchteten, sich fortan einsam im Haus zu fühlen, sondern natürlich wegen der Tragweite dieser Entscheidung für die Gastfamilie.

Und so gut es ist, die Ferien nun wie gewünscht verbringen zu können, es wäre Frau Life Science deutlich lieber gewesen, die Leute wären noch da. Oder wären in der anderen Wohnung, die sie in Aussicht hatten, dauerhaft untergekommen.

Aber so einfach das nicht, so harmonisch verlaufen die Geschichten von Flucht und Unterstützungsangeboten offenbar gar nicht, nein, Frau Life Science wird voraussichtlich nicht von einer erfolgreichen Geschichtsprofessorin mit zwei hübschen Kindern im Altersheim besucht, die sich erinnert, als Kind dereinst in der von ihr mit zu Verfügung gestellten Unterkunft neu angefangen zu haben.

Eine improvisierte Wohnmöglichkeit auf Zeit reicht eben nicht. Es geht dann doch um mehr: Um sozialen Status, um eine lebenswerte Perspektive, um Sprache und Kultur, um Zugehörigkeit und Pflichtgefühl. Oder so. Wahrscheinlich um viel mehr, als man als Außenstehende zu verstehen glaubt.

Die Gastfamilie hat sich in den Räumlichkeiten wenig zu eigen gemacht, hat wenig Spuren hinterlassen. Alles wirkt unverändert, nichts scheint bewegt oder verrückt worden sein, selbst wenn es völlig unzweckmäßig war, wie der auf den Esstisch abgestellte Computer-Bildschirm, den jemand mal irgendwann abholen wollte.

Ein paar Sticker kleben an Stellen, die Dreijährige passend finden. Ein paar mehr Spielsachen stehen bereit, können aber auch einfach zurückgelassene Spenden Dritter sein. Sonst nichts. Die zwei schlimmen Töpfe wurden geschrubbt, sind aber – wenig überraschend – nicht sauber geworden.

Dennoch sind die abgereisten Bewohner irgendwie noch da. In ihren Gedanken sieht sie Frau Life Science auf der Terrasse sitzen, sieht sie Wäsche waschen mit der gespendeten Waschmaschine, die sie „die Puppenwaschmaschine“ nennt, weil sie mit drei Handtüchern schon voll ist. Wäscht man halt öfter, geht auch. Sieht die Kinder mit dem Roller ums Haus flitzen.

Und Postbote bringt immer noch Briefe von der Sparkasse an die fremden Namen.

Gerüchtehalber kommt die Familie doch bald wieder zurück. Aber was weiß man schon.

Nun machen sich gemischte Gefühle breit: Dankbarkeit für die positiven Begegnungen der Generationen und Kulturen in der kurzen Zeit, das grundsätzliche Gelingen des gewagten Unterfangens, Enttäuschung über das jähe Ende des Aufenthalts, ein wenig Schuldgefühl – hätte man mehr machen können? Dinge anders handhaben sollen? Und Hoffnung, dass es in einem weiteren Anlauf doch noch klappt – oder, und das wäre das eigentlich Wünschenswerte: dass ein solcher zweiter Anlauf gar nicht nötig wäre.

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